Der Biber polarisiert

Der Europäischer Biber (Castor fiber] sorgt aktuell in Hessen für heftige und zum Teil sehr emotionale Diskussionen. Wir wollen aufklären, zur Versachlichung beitragen – und deutlich machen, dass hier ein Tier zum Problem gemacht wird, obwohl es in Wahrheit ein ökologischer Gewinn ist.

 

Der Biber ist eine sogenannte Schlüsselart*. Er gestaltet aktiv Lebens-räume: Durch den Bau von Dämmen entstehen Feuchtgebiete, die einer Vielzahl von Arten zugutekommen – von Amphibien über Insekten bis hin zu Vögeln. Gleichzeitig speichern die neuen Lebensraumstrukturen das Wasser in der Landschaft. In Zeiten zunehmender Trockenheit ist das ein handfester Vorteil.

 

* Eine Schlüsselart besitzt in einer Biozönose wichtige Funktionen. Verschwindet sie, wird das Ökosystem stark verändert und zieht das Aussterben anderer, von ihr abhängiger Arten nach sich.

 

Dass der Biber heute wieder in Hessen lebt, ist kein Problem – es ist ein Erfolg. Nachdem er lange verschwunden war, hat sich der Bestand erholt.

 

Nach Angaben des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) gibt es derzeit rund 650 Reviere mit etwa 1.000 Tieren**. Das ist das Ergebnis konsequenten Artenschutzes – und genau das wird nun vielerorts infrage gestellt.

 

** Gemessen an der Bevölkerungszahl Hessens von rund 6,28 Millionen Menschen (Ende 2024) ist die Population recht klein, ebenso gering ihr Flächenverbrauch.

 

 

Ja, es gibt Konflikte. Biber stauen Wasser, verändern Landschaften und können damit auch wirtschaftliche Interessen berühren. Überflutete Flächen sind für land- und forstwirtschaftliche Betriebe keine Bagatelle. Aber: Diese Probleme sind lösbar – und sie rechtfertigen nicht die pauschale Abwertung einer ganzen Tierart.

 

Naturschutzorganisationen wie die GNA weisen zu Recht darauf hin, dass der Biber enorme ökologische Leistungen erbringt – kostenlos und dauer-haft. Er schafft Lebensräume, fördert die Artenvielfalt und stabilisiert Wasserhaushalte. Wer ihn ausschließlich als Schadensverursacher betrach-tet, blendet diese Leistungen systematisch aus.

 

 

Auch die Politik hat reagiert und versucht, den Konflikt zu entschärfen.

Mit der sogenannten Biber-Billigkeitsrichtlinie stellt das Land Hessen finanzielle Hilfen bereit: Bis zu 90 Prozent der anerkannten Schadenshöhe können ausgeglichen werden, in Einzelfällen bis zu 25.000 Euro. Ergänzend gibt es Beratungsangebote und Maßnahmen im Bibermanagement, die helfen sollen, Schäden von vornherein zu vermeiden, Präventionsmaß-nahmen zu optimieren und langfristige Konfliktlösungen anzubieten.

 

Die derzeit aktuelle Praxis, Biberdämme einzureißen und Gewässerab-schnitte mit stromführenden Elektrodrähten unzugänglich zu machen, steht im Widerspruch zum Bundesnaturschutzgesetz und zu den Vorgaben der EU. Es wäre an der Zeit, dieses Vorgehen von Behörden und anderen Akteuren zur sogenannten Konfliktminimierung vor dem Europäischen Gerichtshof überprüfen zu lassen. Ebenso kritisch sind die aktuell von der Landesregierung geplanten Vergrämungs- und Entnahmemaßnahmen zu bewerten.

 

 

Das alles zeigt: Lösungen wären vorhanden. Was fehlt, ist oft die Bereit-schaft, sie konsequent zu nutzen – und die Debatte sachlich zu führen.

 

Denn am Ende geht es um eine Grundsatzfrage: Wollen wir eine lebendige, funktionierende Natur – oder nur eine Landschaft, die ausschließlich auf menschliche Nutzung ausgerichtet ist?

 

Der Biber ist nicht das Problem. Er macht sichtbar, wo Nutzungskonflikte bestehen. Und genau deshalb polarisiert er.